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Kindliche Sexualität: Was Eltern wissen müssen

Sexualität gehört zum Menschen und begleitet ihn sein ganzes Leben lang. Nicht erst ab der Pubertät, sondern bereits ab der Geburt. Schon Babys entdecken ihren Körper und Doktorspiele im Kleinkindalter sind Teil einer normalen sexuellen Entwicklung. Jedoch sollten ein paar grundlegende Regeln befolgt werden, damit keine Grenzen verletzt werden und wir Kinder im präventiven Sinne gegen sexuelle Übergriffe stark machen. Mit diesem Beitrag zeigen wir, wie wir Kinder in ihrer sexuellen Entwicklung unterstützen, warum die Entwicklung der kindlichen Sexualität für das Selbstbild und Selbstvertrauen wichtig ist und wie wir mit Doktorspielen und Aufklärung am besten umgehen.

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Die Entdeckung des Körpers und der Sexualität ist zentral für die Identitätsentwicklung

Das Erkunden des eigenen Körpers, die angenehmen Berührungen anderer erfahren, sind wichtig für Kinder, um ihren eigenen Körper kennenzulernen und ein Verständnis der eigenen Fähigkeiten zu erlangen. Sie tragen wesentlich zur Entstehung des Selbstbild des Kindes bei, also das Bild, das ein Kind von sich hat, ob es Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, sich dadurch aktiv oder passiv verhält, bei Schwierigkeiten schnell aufgibt oder sich angespornt fühlt. Welches Selbstkonzept Kinder entwickeln, hängt davon ab, ob ihnen viel Raum zum Ausprobieren und Gestalten gewährt wird und sie dabei vielfältige Erfahrungen sammeln können, in Bezug auf ihren Körper genauso wie auf alle andere Lebensbereiche.

Neben der Bedeutung für die Entwicklung des Selbstbilds und Selbstvertrauens, hat die Entdeckung des Körpers auch noch weitere positive Auswirkungen: Körperstellen, die wir häufig mit unseren Händen berühren, kennen wir besser, schätzen wir mehr und werden positiver betrachtet. Dies ist für die Prävention sexueller Gewalt von zentraler Bedeutung: Was ich schätze, mag ich schützen und pflegen.

Was ist kindliche Sexualität und wie entwickelt sich diese?

Kindliche Sexualität ist nicht mit der Sexualität von Erwachsenen zu vergleichen, die vor allem auf die genitalen Reize konzentriert ist. Die Sexualität von Kindern ist eher mit einer ganzheitlichen Sinnlichkeit zu vergleichen, Geschlechtsorgane werden aber auch mit einbezogen. Wie der Greif- oder der Saugreflex ist auch der Erregungsreflex beim Baby bereits vor der Geburt da. Der Penis kleiner Jungs versteift sich, bei Mädchen ist die Erregung weniger sichtbar, doch auch bei ihnen strömt vermehrt Blut in die Schwellkörper von Klitoris und Schamlippen. Das Kind empfindet das Gefühl als angenehm und kann es durch seine Bewegungen steigern. Kindliche Sexualität bedeutet für das Kind, schöne Gefühle zu erfahren, seinen Körper und damit sich selbst kennenzulernen, aber nicht die Zuneigung zu einem anderen Menschen auszudrücken. Es ist in seinem sexuellen Handeln daher egozentrisch. Kindliche Sexualität ist auf keinen Fall etwas Verwerfliches, Anstössiges oder gar Problematisches, sondern vielmehr ein gesunder und normaler Teil der sexuellen Entwicklung eines Menschen. Denn wie das Gehen und Sprechen lernen, muss auch Sexualität gelernt werden und ist für die gesunde kindliche Entwicklung von grosser Bedeutung.

„Doktorspiele“ stillen die kindliche Neugier und dienen der Identitätsentwicklung

Ab dem zweiten Lebensjahr ändert sich die kindliche Sexualität und die sexuelle Entwicklung des Kindes. Mit dem Erwerb der Sprache und dem Herstellen von Zusammenhängen wird nun auch die Sexualität nicht mehr vom Unbewussten getrieben, sondern vom gleichen Entdeckungsdrang, der die Neugier des Kindes in allen Bereichen seines Lebens prägt. Kinder in diesem Alter interessieren sich nun mehr und mehr für das Geschlecht der Eltern, nehmen Unterschiede bewusst war, wollen erforschen, herausfinden und mehr über den eigenen Körper erfahren. Sie möchten wissen, wie die Geschlechtsteile heissen. Mit dem Experimentieren des Körpers, entdecken sie nun auch, dass sie sich selbst stimulieren können und somit ein Wohlbehagen erreichen können. Eine solche Frühform der Selbstbefriedigung ist völlig normal und Teil ihres Heranwachsens. Eltern sollten dabei darauf achten, dass sie dem Kind nicht vermitteln, dass Sexualität oder diese Handlungen des Kindes etwas Schlechtes sind oder das Verhalten sogar verbieten. Das erzeugt lediglich Schuldgefühle, während das Kind im Verborgenen weiterexperimentiert und hat möglicherweise einen negativen Einfluss auf die spätere Einstellung zur Sexualität.

Mit dem dritten, vierten Lebensjahr beginnen Kinder andere Kinder in ihre Entdeckungsreise des Körpers einzubeziehen. Bei „Doktorspielen“ ziehen sich Kinder oftmals aus und untersuchen sich von Kopf bis Fuss, inklusive Intimbereich, gegenseitig. Diese körperlichen Erkundungsspiele haben nichts mit dem sexuellen Begehren von Erwachsenen zu tun, sondern ausschließlich mit kindlicher Neugier. Das Verhalten des Kindes ist in diesem Alter weiterhin egozentrisch. Kuschelt ein Kind mit einem anderen, so macht es das, weil es ihm selbst gefällt.

Kinder wissen dabei durchaus, dass das, was sie tun, nicht in die Öffentlichkeit gehört und ziehen sich meist an einen Ort zurück, wo sie ungestört und unbeobachtet sind. Sollte es doch vorkommen, dass sich ein Kind in der Öffentlichkeit beginnt mit seinem Körper bzw. mit seiner Intimzone zu experimentieren, darf man ihm ruhig und sachlich erklären, dass dies nicht der richtige Ort dafür ist.

Platzt man als Erwachsener unerwartet in ein Doktorspiel hinein, ist man oftmals verunsichert. Doch man darf sich sicher sein, dass diese Spiele vollkommen normal sind und sollte dem Wunsch der Kinder nach Intimität nachkommen. Wie bei anderen Spielen, kann man einfach interessiert und wertfrei fragen: was macht ihr?

Grundsätzlich sollte man das Thema nicht tabuisieren und Kinder ihren Erkundungsdrang ausleben lassen, gleichzeitig sollten gewisse Regeln eingehalten werden und diese auch ganz sachlich und offen mit den Kindern besprochen werden.

Welche Regeln für „Doktorspiele“ sollten wir aufstellen?

Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Körperspiele nur im gegenseitigem Einvernehmen stattfinden. Und wir sollten den Kindern immer wieder mitteilen, dass ihr Körper nur ihnen gehört, nur sie darüber bestimmen, was damit gemacht wird. Es ist wichtig darauf zu achten, dass die Kinder im gleichen Entwicklungsstadium sind, da sonst die Gefahr deutlich grösser ist, dass ein Kind unter Druck gesetzt wird und die Interessen auseinander gehen.

Folgende Regeln können Eltern aufstellen und mit den Kinder vereinbaren:

  • Das andere Kind darf nur berührt werden, wenn es beide wollen und es darf nur gemacht werden, was beide Kinder wollen.
  • Jedes Kind muss darauf achten, ob dieses Spiel auch wirklich allen Beteiligten Spass macht.
  • Jedes Kind darf jederzeit Nein sagen (auch wenn es am Anfang ja gesagt hat) und aus dem Spiel aussteigen. Ein Nein muss immer akzeptiert werden.
  • Kein Kind darf unter Druck gesetzt werden. Man darf einem anderen Kind nicht drohen oder es erpressen.
  • Wenn jemand nicht auf ein „Nein“ hört, darf und soll sich das betroffene Kind Hilfe bei Erwachsenen holen.
  • Es dürfen keine Gegenstände in Körperöffnungen gesteckt werden.
  • Wir Erwachsenen sind immer da, wenn es Probleme oder Meinungsverschiedenheiten gibt, Kinder dürfen sich einer Person ihres Vertrauens anvertrauen, egal was sonst irgendjemand sagt (oder droht).

Für Eltern sollte ausserdem die Regel gelten, dass sie wertende oder gar abfällige Bemerkungen unterlassen.

Kinder leben anders als wir Erwachsenen im Hier und Jetzt, auch im Umgang mit ihrer Sexualität. Daher ist das Einhalten sozialer Regeln nicht immer einfach. Regeln wie wir miteinander umgehen, müssen wie alles andere, erst erlernt werden. Es braucht daher Eltern, die diese Regeln immer wieder geduldig und respektvoll einfordern.

Ein sexueller Übergriff liegt vor, wenn Unfreiwilligkeit und ein unausgeglichenes Machtverhältnis besteht

Sexuelle Übergriffe unter Kindern können bereits im Kindergartenalter vorkommen, sind vielseitig und von unterschiedlicher Ausprägung. Wie bei anderen Themen, kann es auch beim Thema Sexualität vorkommen, dass sich Kinder nicht so entwickeln, wie es sich die Eltern wünschen. Es kann aus unterschiedlichen Gründen vorkommen, dass ein Kind seine Sexualität auf Kosten anderer auslebt.

Bei einem sexuellen Übergriff zwischen Kindern, sind immer Unfreiwilligkeit und unausgeglichene Machtverhältnisse im Spiel. Ein Machtgefälle kann z.B. entstehen durch körperliche oder verbale Überlegenheit, Altersunterschied, unterschiedlicher Entwicklungs- oder Reifegrad, Beliebtheit oder Unbeliebtheit, Geschlecht.

Jedoch ist ein Übergriff nicht immer eindeutig erkennbar. Wenn ein Kind lautstark protestiert, ist die Situation recht leicht einzuordnen, wenn ein Kind sich aber nicht traut nein zu sagen, ist es schwieriger den Fall zu beurteilen, zumal solche Situationen in der Regel nicht direkt unter den Augen von Eltern oder Betreuungspersonen passieren.

Es bedarf also eines Fingerspitzengefühls und genauen Hinsehens der Erwachsenen. Gibt es ein Machtgefälle zwischen den Kindern? Sind die Kinder auf der gleichen Entwicklungsstufe?

Bei Schulkindern und Kindergartenkindern ist das z.B. nicht der Fall. Daher haben Doktorspiele zwischen älteren und deutlich jüngeren Kindern einen übergriffigen Charakter. Ebenso wenn bekannte Regeln immer wieder verletzt bzw. missachtet werden.

Spiele, die stark an Erwachsenensexualität erinnern, die körperliche oder seelische Gewalt beinhalten oder bei denen es zu Verletzungen kommt, sind nicht mehr als kindliches Ausprobieren, sondern als sexuelle Übergriffe einzustufen.

Prävention vor sexuellen Übergriffen

Auch im Kita-Alltag zeigt sich das Thema kindliche Sexualität in verschiedenen Facetten: Sexuelle Rollenspielen, frühkindliche Selbstbefriedigung, Körperscham, Fragen zur Sexualität, sexuelles Vokabular. Erzieher:innen werden auf die ein oder andere Weise damit konfrontiert und so ist Sexualerziehung zwangsläufig Teil der Pädagogik in Kitas und Kindergärten.

Um Vertrauen, Sicherheit und Transparenz für alle Mitarbeitenden, Kinder und Eltern zu schaffen, gibt es bei KiMi den Verhaltenskodex, der Regeln für das Verhalten aufstellt. Grenzverletzungen, auch in Bezug auf sexuelle Übergriffe gegen Kinder und unter Kindern, sind hier z.B. klar definiert.

Das 7-Punkte Präventionsmodell (von Limita), das im KiMi Verhaltenskodex enthalten ist, kann auch ausserhalb der Kita für die Prävention hilfreich sein. Es basiert auf dem Grundsatz: Einem Kind, das auf sein Leben Einfluss hat, fällt es leichter, sich für seine Person und seine Grenzen einzusetzen. 

Folgende sieben Punkte sollten wir demnach Kindern mit auf den Weg geben:

  • Dein Körper gehört dir. ​
  • Deine Gefühle sind wichtig. ​
  • Es gibt angenehme und unangenehme Berührungen. ​
  • Du hast das Recht auf ein Nein. ​
  • Es gibt gute und schlechte Geheimnisse.​
  • Du hast das Recht auf Hilfe. ​
  • Du bist nicht schuld. 

Doch Prävention und Sexualaufklärung beginnt bereits im Elternhaus und von Geburt an. Dem Kind ein positives Körpergefühl zu geben und ihm in der täglichen Zuwendung klar zu machen, dass sein Körper etwas Kostbares ist, ihm den nötigen Raum geben seinen Körper und seine Sexualität zu entdecken, ist eine Grundvoraussetzung für den späteren richtigen Umgang mit dem Thema Sexualität. Ein Kind, das seinen Körper und Sexualität entdecken und damit seine Selbstwirksamkeit erfährt, gewinnt Sicherheit in Bezug auf seinen Körper und ihm/ihr fällt es leichter, sich für seinen Körper (im präventiven Sinne) einzusetzen.

Aufklärung spätestens beginnen, wenn das Kind Interesse daran zeigt, woher Babys kommen.

Wenn ein Kind Interesse zeigt zu erfahren, wie es auf die Welt gekommen ist und es beginnt Fragen darüber zu stellen, wo Babys herkommen, ist der ideale Zeitpunkt, um mit der Aufklärung eines Kindes zu beginnen. Entsprechende Bücher können helfen die Fragen von Kindern auf kindgerechte Art zu beantworten. Einen Buchtipp findet ihr hier: Von wegen Bienchen und Blümchen.

Am besten findet Aufklärung aber ganz nebenbei statt, indem Eltern die spontanen Fragen ihrer Kinder ohne Scheu und Zurückhaltung beantworten. In der Regel gibt es also nicht das eine Aufklärungsgespräch, sondern Aufklärung findet im Alltag statt und beginnt genau genommen von Geburt an. Es geht darum dem Kind ein Körpergefühl zu vermitteln, indem man ihm Zärtlichkeiten zukommen lässt, es seinen Körper erkunden lässt, inklusive Körpererkundungsspiele. Ausserdem ist wichtig wie mit Nacktheit im Elternhaus umgegangen wird und das alle Körperteile, einschliesslich der Geschlechtsteile beim richtigen Namen benannt werden.

Wie wir Kinder von klein an in ihrer sexuellen Entwicklung unterstützen

  • Dem Kind ein positives Körpergefühl mit auf seinen Lebensweg geben und es Zärtlichkeit im täglichen Umgang und in der Pflege erfahren lassen. Wenn wir unserem Kind zeigen, wie lieb wir es und seinen Körper haben, wird es selbst seinen Körper schätzen und darauf achten.
  • Ein Kind nicht bremsen, wenn es seinen Körper erforschen möchte. Nur, wenn das Kind seinen Körper in Besitz nehmen und erkunden darf, kann es ein gesundes Körpergefühl und Selbstbewusstsein entwickeln. Das hilft ihm später für seine Intimsphäre und Körper gegenüber anderen einzustehen und auch Nein sagen zu können, wenn es zu sexuellen Übergriffen kommen sollte.
  • Kindern Rückzugsmöglichkeiten geben, wenn sie mit Gleichaltrigen ihren Körper erkunden und erfahren möchten. Gleichzeitig Regeln aufstellen was erlaubt ist und was nicht.
  • Bezeichnen aller Körperteile von Geburt an (beim Wickeln, Waschen, Schmusen etc.). Die Genitalien mit Namen benennen. Jungen haben einen Penis, Mädchen eine Vulva und Vagina. Auch Teile wie Labien und Hoden benennen.
  • Innerhalb der Familie sollte Nacktsein kein Tabu sein. Je unbefangener Eltern damit umgehen und sich nackt vor ihren Kindern zeigen, desto unbefangener werden sie mit den geschlechtlichen und den äußerlichen Unterschieden von Mann und Frau und Junge und Mädchen umgehen können.
  • Antworten Sie Ihrem Kind offen und möglichst unbefangen, aber altersgerecht auf Fragen zum Thema Sexualität.
  • Kindern ein Vorbild sein: Ein liebevoller Umgang der Eltern untereinander wirkt sich positiv auf die sexuelle Entwicklung und auch auf die spätere Partnerschaft des Kindes aus.
  • Eigene Gefühls- und Körpergrenzen zeigen und ansprechen.
  • Spätestens ab dem Kindergartenalter sollten Bücher über den Körper im Kinderbuchregal stehen. Das Kind soll spüren, dass es diese Bücher jederzeit ansehen darf, dass diese Bücher nicht anders bewertet werden als andere Wissensbücher.
KiMi wünscht viel Freude beim Lesen.
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