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Ich sitze da und kann es kaum glauben, was meine Schwiegermutter gerade erzählt hat. Ist es wirklich schon so weit? Kann es sein, dass sich Kinder in diesem Alter schon darüber unterhalten bzw. verschiedenes ausprobieren?
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Als ich meine 5-jährige Tochter aufklären «musste»

Ich sitze da und kann es kaum glauben, was meine Schwiegermutter gerade erzählt hat. Ist es wirklich schon so weit? Kann es sein, dass sich Kinder in diesem Alter schon darüber unterhalten bzw. verschiedenes ausprobieren?

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Als meine Tochter vom Schulbus nach Hause kommt, stösst sie im Garten als erstes auf meine Schwiegermutter. Sie ist etwas unruhig und meint, es sei ihr etwas Komisches im Schulbus passiert. Ein älteres Mädchen, das neben ihr gesessen hat, bildete mit ihrem Zeigefinger und Daumen ein Loch und forderte meine Tochter auf, dort reinzulangen. Natürlich möchte sie wissen warum. Das ältere Mädchen sagt «nur so», also macht sie es. Danach drängt das ältere Mädchen, «so, jetzt machst du das bei dir in der Hose». Meine Tochter tut dies, wenn auch widerwillig.

So erfahre ich also das Erlebnis meiner Tochter, welche sich glücklicherweise ihrer Oma anvertraut hat. Ich bin einfach nur schockiert. Was mich am meisten schockiert, dass meine Tochter die Anweisungen des älteren Mädchens befolgt, ohne dass sie sich dabei wohl fühlt. Mir ist sofort klar, dass der Zeitpunkt zur Aufklärung gekommen ist.

Noch am gleichen Abend beginne ich zu googlen, wie man ein Kleinkind aufklärt und vor allem ab welchem Alter dies notwendig ist. Ich bin erstaunt, es scheint, als hätte ich den Moment schon fast verpasst. Es heisst, dass in der heutigen Zeit, ein Kind nicht früh genug an das Thema Sexualität herangeführt werden kann. Durch diese frühzeitige Aufklärung können Übergriffe verhindert werden. Auf einmal wird mir bewusst, wie wichtig das Thema ist und wie sehr ich dies unterschätzt habe bzw. einfach nicht auf dem Radar hatte.

Am nächsten Tag tausche ich mich mit Kollegen dazu aus, welche unter anderem Kinder im gleichen Alter haben. Alle sind erstaunt. Die einen haben sich allerdings schon damit auseinandergesetzt, andere reagieren wie ich auf die «frühzeitige» Aufklärung. Mir werden verschiedene Aufklärungsbücher empfohlen, welche ich gleich nach der Arbeit kaufen gehe. Eines davon heisst «Von wegen Bienchen und Blümchen», darin wird auch der Körper erklärt. Da ich sowieso schon in der Bücherhandlung stehe, kaufe ich gleich noch zwei drei Kindergeschichten. Als ich zu Hause ankomme, lege ich meinen beiden Kindern die Bücher hin. Meine Tochter geht alles durch und sieht das Buch «Von wegen Bienchen und Blümchen». Sie schnappt es sich und verschwindet. Ich bin ganz erstaunt, dass sie dafür gleich so viel Interesse zeigt. Es scheint, als wollte sie schon immer mehr dazu erfahren.

Vor dem Schlafen dürfen sich die Kinder noch ein Buch zum Vorlesen auswählen. Natürlich wünscht sich meine Tochter eben das eine. Ich setze mich also mit ihr auf den Bettrand und öffne die erste Seite. Im Vorwort wird den Eltern kurz erklärt, warum das Thema so wichtig ist und dass man feststellen wird, dass Kinder keinen Unterschied machen, ob man über Sex oder Kartoffeln spricht. Ich blättere weiter und es haut mich fast hinten raus. Vor mir ganz in gross ist eine Skizze des weiblichen Geschlechtes. Es ist im Detail erklärt, wo sich was befindet. Tatsächlich schaut meine Tochter ganz unbefangen und interessiert auf das Bild. In einem Kästchen, welches an die Eltern gerichtet ist, steht, dass die Genitalien immer beim richtigen Namen genannt werden sollten. Oups, das mache ich nie! Obwohl ich dies auch schon mal in einem Lesebrief von Pro Juventute gelesen habe. Meine Tochter fragt nun, wo das Ding vom Mann sei, welches so runter hängt. Sie kennt den richtigen Namen nicht… Ich sage «meinst du den Penis» und blättere mal weiter. Tadaah! Wieder in gross mit allen Details erklärt liegt nun eine Skizze des männlichen Geschlechtes vor mir. Meine Tochter möchte alles wissen. Ich gehe mit ihr eins nach dem anderen durch. «So, es ist schon spät und Zeit, um schlafen zu gehen.» Meine Tochter ist total aufgeregt, sie will mehr wissen und am liebsten das gesamte Buch durchgehen. Ich kann sie jedoch beruhigen und sie auf den nächsten Tag vertrösten.

Später sitze ich mit dem Buch vor mir auf dem Sofa und lese die Punkte, welche an die Eltern gerichtet sind durch. Wir Erwachsenen gehen mit dem Thema Sexualität sehr behutsam um. Wir sprechen über alles, einfach nur selten über das Thema Sex. Je mehr wir dies den Kindern so vorleben, desto mehr werden auch sie so aufgezogen. Würden wir normal damit umgehen, würden die Kinder auch normal das Thema ansprechen und danach fragen, wenn sie mehr wissen wollen. Leider bemerken die Kinder aber schon früh, dass das Thema Sex anders von uns Erwachsenen behandelt wird. Wenn wir es schaffen, dem Thema wieder mehr Normalität zu geben, können wir auch sicherstellen, dass die Kinder sich zukünftig bei allfälligen Übergriffen uns einfacher anvertrauen können. Denn wenn man einfach über Sex sprechen kann, wird das Schamgefühl in der Kommunikation bestimmt auch kleiner sein.

Übrigens habe ich noch das Buch «Mein Körper gehört mir» empfohlen bekommen. Es hilft den Kindern dabei, ihre Grenzen in Bezug auf deren Körper kennen zu lernen und «Nein» sagen zu können, wenn sie etwas nicht wollen. So oder so wird das Thema schon im Kindergarten besprochen. Es kann also sein, dass dadurch Fragen auftreten werden, ohne dass das Kind eine Erfahrung gemacht hat. Bis dahin sollten wir uns alle angeeignet haben, ganz sachlich über die Sexualität zu sprechen.

Durch das Erlebnis meiner Tochter habe ich viel dazu gelernt. Ich erhoffe mir, dass durch meine Erfahrung, welche ich hier teile, ich viele motivieren kann, frühzeitig das Thema Sexualität in der Familie anzusprechen. Wichtig ist es, dass unsere Kinder uns anvertrauen. Deshalb sollten wir ihnen auch immer wieder anbieten, bei erlebten Situationen, die ihnen komisch vorkommen, auf uns zuzukommen, egal um was es sich handelt. Durch die Gespräche, welche wir nach der Schulbus Story hatten, ist meine Tochter nun auch von sich aus auf meinen Mann zugegangen und hat ihm alles nochmals erzählt. Übrigens nochmals in einer etwas anderen Form. Auch mir hat sie später ganz locker darüber berichtet. Sie scheint also ihre Schamgefühle dazu erfolgreich abgelegt zu haben.

KiMi wünscht viel Freude beim Entdecken und Experimentieren.
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